Die Reportage


Aquamed
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Paul Müller
Susanne Bächler
 
 
 
 
 
 

 

Kleine Wasserwirbel berühren zärtlich den Körper, umschmeicheln ihn, streicheln die feinen Härchen an Armen und Beinen. Fallen lassen, den Kopf vertrauensvoll in die Arme des Therapeuten geschmiegt, abtauchen in die Tiefe des Seins, zurück in das Fruchtwasser. Geborgenheit spüren, ganz bei sich sein. Nur geschehen lassen und geniessen. Losgelöst von aller Schwere, schweben. Wasser-Shiatsu ist totale Entspannung und Therapie zugleich. Die Kombination aus Wärme, Wasser, Berührung und Bewegung entspannt nicht nur den Körper, sondern auch die Seele. Wasser-Shiatsu harmonisiert, vertieft die Atmung und stellt das Gleichgewicht zwischen Körper, Seele und Geist wieder her. Hätte mir das jemand vor dieser ersten Wasser-Shiatsu- oder kurz Watsu-Stunde mit obigen Worten geschildert, hätte ich abgewinkt. Esoterischer Mumpitz, nichts für mich! Seit bald mehr als zehn Jahren schreibe ich als Medizin-Journalistin über Rheuma, Herzbeschwerden, Bettnässen, Migräne oder Reflux, das ganze Repertoire der Medizin-Themen rauf und runter.

   

Ich bin skeptisch gegenüber allen Heilsverkündigungen, habe Mühe mit zu viel Nähe bei mir fremden Menschen, kurz: stehe mit beiden Beinen fest auf dem Boden– und jetzt das. Da liege ich in den Armen eines mir bis anhin fremden Therapeuten, spüre seinen Atem auf meinem Gesicht und lasse mich friedfertig und losgelöst von aller Skepsis im 35 Grad warmen Wasserziehen, dehnen, drücken und verrenken. Die Ohren sind unter Wasser. Ich höre das sanfte Bewegen des Wassers und wünsche mir nur eines: Es soll nie enden! Watsu wurde vor 20 Jahren von Harold Dull in Kalifornien entwickelt. Die Therapieform basiert auf Zen-Shiatsu, einer japanischen Heilmethode. Die tiefe Entspannung kann Energiestaus, Stress, Ängste und Blockaden spielerisch auflösen. Es können sanfte Dehnungen, Streckungen und Gelenkmobilisationen durchgeführt werden, die an Land in dieser Qualität nicht machbar sind. «Die Therapieform eignet sich für sehr viele körperliche und psychische Be-schwerden», erklärt Paul Müller, Watsu-Therapeut aus Stein AG

Bei den körperlichen Symptomen stehen vor allem Verspannungen, Rücken- und Nackenschmerzen und die eingeschränkte Beweglichkeit im Vordergrund. Selbstverständlich ersetzt Watsu bei körperlichen Beschwerden nicht den Arzt, kann aber gut ergänzend eingesetzt werden. Bei starken Persönlichkeitsveränderungen muss mit dem behandelnden Arzt abgeklärt werden, was sinnvoll wäre. «Für ein Borderline-Syndrom zum Beispiel ist Watsu ungeeignet», erklärt der Therapeut. «Auf psychischer Ebene ist die Wasserarbeit sicher hilfreich bei der Selbstfindung, auch das Thema Nähe und Distanz kann dabei gut aufgearbeitet werden», fügt er hinzu. Sehr gute Erfolge erzielt Paul Müller bei Asthmakranken und Schleudertrauma-Geschädigten. «Bei Asthma-Patienten wird es über die Entspannung möglich, dass sich die Atmung verändert. Der Rhythmus wird besser, das Atemvolumen voller und die Ausatmung funktioniert wieder besser», erklärt er. Beim Schleudertrauma wirken die sanften Impulse und die Tiefenentspannung unterstützend. In der Gelenkmobilisation kommt die Spiraldynamik zum Zug, was auch Verspannungen lösen kann. Heilsversprechungen gibt Paul Müller nicht, die Erfahrungen zeigen jedoch, dass sich Watsu oft positiv auf Beschwerden auswirkt. Vor der ersten Watsu-Stunde wird eine genaue Anamnese über Problemzonen, Beschwerden, Medikamente, Körpertherapie-Erfahrungen erstellt, und auch Anliegen und Wünsche des Watsu-Neulings werden berücksichtigt. «Es ist wichtig, dass in einem Vorgespräch bereits ein guter Kontakt mit dem Therapeuten hergestellt werden kann. Denn dieser muss spüren, wo der zu Therapierende steht», sagt Paul Müller. Der Sitzungsverlauf wird nach einem eigens entwickelten Formular detailliert protokolliert.
Dabei hält der Therapeut fest, wie er die Watsu-Stunde erlebt hat, welche Techniken er wo angewandt hat und was sie bewirkt haben.
Beim Wassertanzen oder Wata, einer Erweiterung von Watsu, sind die Bewegungen dynamischer.  Begonnen wird mit Watsu, im Verlauf der Sitzung wird der Körper auch
unter Wasser geführt. Gezielt  angewandte Hebelgriffe befreien die Hauptgelenke von Verspannungen. Spiral-, kugel- und wellenförmige
Bewegungen wechseln im  Atemrhythmus über und unter Wasser ab. Die Körperwahrnehmung wird intensiviert. Ein eigentlicher Tanz von Therapeut und Patient beginnt. 

Verena Thurner

Reporterin Schweizer Illustrierten 

  
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